Wie sieht ein Tag im Zeichensaal aus? Ein Stimmungsbild.

Der Zeichensaal ist für jedes Mitglied wohl ein bisschen anders. Für die meisten ein Arbeitsplatz, für viele Zentrum des sozialen Austauschs, genauso wie ein Raum zur kreativen Entfaltung. Jede und jeder hat eine individuelle Geschichte, die zur Aufnahme in den Zeichensaal geführt hat. Die unterschiedlichsten Charaktere und Nationalitäten treffen hier aufeinander, genauso wie Erstsemestrige und Masterstudenten. So entsteht eine bunte Mischung von Menschen, die sich eine selbstverwaltete, ja fast schon chaotisch anmutende Zone teilen, in der jeder seinen Platz für sich selbst und in der Gruppe wahrnimmt. Reger Austausch, Konzentration und Entspannung existieren problemlos nebeneinander.

Der Zeichensaal hat viele Gesichter. Der Morgen ist meistens überschaubar. Manche Frühaufsteher sitzen schon vor acht vor ihren Bildschirmen, es riecht nach Kaffee, halb fertig gebaute Modelle zieren die Tische, neben Büchern über Kinoarchitektur und Gebäudelehre liegen Ausdrucke der abendlich noch diskutierten Entwürfe. Im Laufe des Vormittags tröpfeln immer mehr Menschen in den Zeichensaal, das Stimmengewirr ist mal lauter und mal leiser, Studierende gehen zu ihren Korrekturen oder zur nächsten Vorlesung. Die Atmosphäre ist ruhig, konzentriert, manchmal auch ein wenig angespannt – Zwischenpräsentationen stehen am Programm, Plakatentwürfe werden mit den Kollegen besprochen und wer den kleinen Bereich zwischen AZ3 und AZ4 betritt, trifft immer häufiger auf rauchende, scherzende oder tratschende Leute, die gerade Pause machen.
Gegen Mittag füllen sich die Zeichensäle mehr und mehr. Die Hungrigsten planen das Mittagessen, oft wird für über zehn Leute gekocht. Das gemeinsame Gemüseschneiden und das Brutzeln in den Töpfen ist für viele eine willkommene Ablenkung, hier geht noch schnell jemand Zucchini kaufen, da borgt man sich Olivenöl vom Nachbarzeichensaal. An großen Holztischen sitz dann beim Essen die hungrige Meute, es wird gelacht und gescherzt, der Kaffee als Nachspeise steht schon am Herd. Und dann wieder an die Arbeit!
So ein Nachmittag im Zeichensaal kann schnell vergehen. Gestärkt und energiegeladen wird weiter an den Projekten gearbeitet, Gruppen sitzen an den Tischen und besprechen die Aufgabenverteilung. Manchmal schwindet die Arbeitsmotivation aber auch im Laufe des Nachmittags dahin, wenn durch die großen Glasfenster die Sonne hereinstrahlt, oder die alten Couches ein revitalisierendes Mittagsschläfchen versprechen.
Je tiefer die Sonne sinkt, desto weniger dicht belegt ist der Zeichensaal – allerdings kann sich das ganz schnell ändern, wenn es einen gemeinsamen Filmabend gibt, vielleicht hat jemand Geburtstag oder gerade eine Prüfung hinter sich gebracht. Also: Entspannung ist angesagt! Gemeinsam wird das Abendessen vorbereitet, Freunde und Studienkollegen verständigt, die Stereoanlage in Gang gebracht und ein paar kühle Bier geöffnet. Am Tisch sitzen jetzt teils dieselben wie zu Mittag, ein paar gesellen sich nach der Arbeit im Büro oder am Institut dazu und die Gespräche drehen sich – fast unweigerlich – um die Architektur. Der Abend wird zur Nacht, der Zeichensaal zum lebendigen Austauschort der Meinungen und Kulturen. Ein lebendiges architektonisches Studentenkollektiv, kreativ, kritisch, und der beste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann.

von Theresa Obermayer

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