Reisebericht. Ein Lokalaugenschein im Paradies.

Azoren / Portugal
von Konstantin Knauder

 

(c)Konstantin Knauder

Santa Maria – Insel, die aus Träumen geboren…‘ – Es ist Frühjahr 2015, als ein, für manche nervtötender, sicher aber legendärer Schlager-Ohrwurm die heiligen Hallen der Zeichensäle erobert. Hymnenhafte Chöre erhellen die Alte Technik, etwaige Textunsicherheiten werden durch professionelles Mitsummen kaschiert. Nur die standhaftesten Kolleginnen und Kollegen können sich damals gegen die sehnsuchtsvollen Zeilen und träumerischen Melodien Roland Kaisers wehren.

Doch wo liegt jene geheimnisvolle Insel, die aus Träumen geboren, auf deren schneeweißen Stränden man die Jugend wunderschöner Mädchen in Händen halten kann? Dieser Frage wird schließlich nach ein, zwei oder möglicherweise drei Bier in abendlich kleinräumlicher Runde nachgegangen. Google findet mehrere hundert ‚Santa Marias‘, überraschenderweise aber nur eine Insel, die diesen Namen trägt und noch dazu mitten im Atlantischen Ozean liegt. Die Entscheidung steht fest, dort müssen wir hin, am besten morgen.

Im Sommer 2016 ist es dann tatsächlich soweit, eine Schnaps- – oder richtiger – Bier-Idee nahm konkrete Formen an. Acht Kleinräumlerinnen und Kleinräumler haben sich dazu entschlossen, das Experiment einer gemeinsamen, recht weiten Reise zu wagen. Alle Flüge sind gebucht, die letzten Abgaben erledigt und die Spannung groß. Der ‚Ausflug‘ soll uns den gesamten August lang, von West nach Ost auf insgesamt sechs von neun Inseln des azoreanischen Archipels führen. Nicht alle bleiben einen Monat, nicht alle sehen sechs Inseln, alle erleben die Azoren auf ihre Weise. Der folgende Bericht versteht sich deshalb als Knauders ganz persönliches Reisetagebuch.

(c)Konstantin Knauder

 

Wir schreiben den ersten August 2016. Drei unerschrockene Architekturstudenten machen sich von Graz aus auf den Weg Richtung Westen. Portugals aufregend kunterbunte Hauptstadt Lissabon als erste Zwischenstation bietet zwar keine wirkliche Verschnaufpause, aber doch die erste Gelegenheit, sich an das portugiesische Leben, die zunächst exotisch anmutende Sprache, die atlantische Kulinarik und vor allem die recht ausgelassene Feierkultur zu gewöhnen. Wirklich schwer fällt das nicht. Dennoch stellt sich nach drei Tagen doch Erleichterung ein, als die Sitzplätze jedes Flugzeugs eingenommen sind, das uns vom umtriebigen Großstadtdschungel ins idyllische Inselparadies bringen soll.

Früher Nachmittag, Landung auf Terceira. Es ist ‚die Dritte‘, die drittgrößte Insel und jene, die als dritte entdeckt würde. Wieder wird es nur ein Zwischenstopp, ein rund zwanzigstündiger Aufenthalt, bevor es zum eigentlichen Ausgangspunkt der Reise weitergeht. Wir versuchen die verbleibende Zeit auf der Dritten bestmöglich zu nutzen und besteigen nach dem ersten, wohlverdienten Bier auf azoreanischen Boden den Bus in die Inselhauptstadt. Die Busfahrt ist schön. Die Landschaft ist noch schöner. Angra do Heroismo reiht sich in diese Abfolge nahtlos ein. Traut man der Reiselektüre und den Einheimischen, ist es überhaupt die schönste aller Städte des Archipels. Vor allem ist es jene mit der glorreichsten Geschichte, von der die Stadthäuser und deren Fassaden noch heute erzählen. Den Titel Azoren-Hauptstadt musste Angra jedoch schon im 19. Jahrhundert an das stark aufstrebende Ponta Delgada auf Sao Miguel abgeben, was in Folge sicher auch zur heute recht verschlafenen Atmosphäre beigetragen hat. Von einem Erdbeben fast gänzlich zerstört, wurde Angra 1982 originalgetreu und vor allem sehr geschmackvoll wiederaufgebaut und zählt seitdem zum UNESCO Weltkulturerbe. Zurecht.

Nach einer äußerst kurzen Nacht – Terceira genießt nicht zu Unrecht den Ruf der ‚Partyinsel‘ – sitzen die drei
Abenteurer wieder im Flugzeug. Diesmal ein kleines. 37 Sitzplätze. 2 Propeller. 45 Minuten nach Horta auf Faial. Es ist eine der kleineren Inseln des Archipels und dennoch versprüht die Inselhauptstadt ein lebendiges und eigenartig kosmopolitisches Flair. Hauptverantwortlich dafür sind mit Sicherheit die vielen internationalen Segelteams, die auf ihrer Reise über den Atlantik traditionellerweise in der bunt bemalten Marina von Horta anlegen, um Proviant und Energiereserven auf- und sich selbst im legendären ‚Peter Cafe Sport‘ mit Gin Tonic ab-zufüllen. Die Taxifahrt vom Flughafen endet, ob unsrer relativen Planlosigkeit, zunächst auch bei Peter und einem Frühstückskaffee. Dass es auf den Azoren keiner wirklich eilig hat, lässt uns die Kellnerin auf recht charmante wenn auch unmissverständliche Weise wissen, was unsrer allgemein entspannten Stimmung noch den letzten Rest an mitteleuropäischer Hektik nimmt. Die Sonne strahlt vom fast wolkenlosen Himmel und in mittlerer Ferne erhebt sich der mächtige Pico auf der gleichnamigen Nachbarinsel. Schöner kann nur die Tatsache sein, dass wir uns um zwei Reisende vermehrt haben und ab jetzt zu fünft die Segler-Insel erforschen. Dass es auf dem kompakten Eiland eine Menge zu entdecken gibt, wird uns bei einer eintägigen Spritztour mit dem Mietwagen bewusst. Üppig bewachsene Hügel und der mächtige Krater im hochgesättigten Grün duellieren sich mit einer kargen Felswüste, die Ende der 1950er Jahre bei einem massiven Vulkanausbruch an der Westspitze der Insel entstand. Dort erzählt ein neu errichtetes, architektonisch bemerkenswertes Museum von den geologischen Aktivitäten und der Geschichte Faials. Es ist ein, größtenteils unterirdisch errichteter Baukörper, der sich fast unbemerkt in die Umgebung einfügt und diese mit einem hohen Maß an Respekt behandelt. Generell scheinen sämtliche Neubauprojekte der letzten Jahre auf azoreanischem Boden durch mehrere Fachkommissionen gewandert zu sein, bevor ein Stein über den anderen gesetzt wird. Die weitgehend intakte Natur, die malerischen Landschaften und homogenen Stadtbilder, werden offensichtlich zunehmend als essentielle Ressource verstanden, deren Wert nicht durch unreflektierte, auf schnellen Profit ausgerichtete Bauprojekte aufs Spiel gesetzt werden soll. Unsere folgenden Besuche auf anderen Azoren-Inseln sollen diese These schlussendlich untermauern.

(c)Konstantin Knauder

Dreißig Minuten dauert die Überfahrt zur Nachbarinsel Pico, deren pittoresker Vulkan in seiner fast perfekten Kegelform eine magische Anziehungskraft besitzt. Im Hafen von Madalena angekommen, geht die Reise der Südküste entlang zügig weiter nach Lajes, wo uns ein wunderschön angelegter und doch fast leerer Campingplatz erwartet. Die idyllische Ruhe in der verschlafenen 1800-Seelen-Gemeinde wird zwei Tage lang genutzt, um Eindrücke zu verarbeiten, Gedanken und Fotos zu sortieren und das Schlaf-Konto für die Bewältigung der nächsten Abenteuer aufzufüllen.

Etwas wehmütig, ob der nicht absolvierten Gipfeleroberung (wird nachgeholt), besteigen wir erneut die Fähre und lassen jene Insel hinter uns, deren kegelförmiges Wahrzeichen nun majestätisch aus dem Morgennebel ragt. Nach einer Stunde auf atlantischen Wogen erreichen wir Sao Jorge, eine Insel, die schon von weitem zu gefallen weiß und deshalb kurzum in ‚Sau Schoaf‘ umbenannt wird. Wir sollten recht behalten. Die kleine Inselhauptstadt Vela, besticht durch einen atmosphärisch dichten Ortskern und eine äußerst charmante Lage in einer Landschaft, die von der außergewöhnlichen Topografie der Insel geprägt ist. Außerdem gibt es um drei Euro die Nacht einen fast luxuriösen Campingplatz mit Pool und Meerblick. Kurz, der richtige Ort für das große Wiedersehen. Aus fünf Reisenden werden acht. Es gibt viel zu erzählen und die folgenden zwei Tage werden dazu genutzt, gemeinsam die überaus faszinierende und doch touristisch kaum erschlossene Insel zu erkunden. Rund 55 km lang, lediglich 7 km breit und stolze 1000 m hoch. Genauso außergewöhnlich wie die Ausmaße Sao Jorges, sind auch die farbgewaltigen Eindrücke und Erlebnisse, die von dort mitgenommen werden. Sau Schoaf! Für manche das offizielle Highlight der Reise.

Acht Stunden Schifffahrt über den offenen Atlantik liegen hinter uns, als wir in den Hafen der azoreanischen Metropole Ponta Delgada auf Sao Miguel einlaufen. Die Stadt mit ihren Hochhäusern und Edelhotels sieht groß und wichtig aus, vielleicht etwas größer und wichtiger als sie weltpolitisch tatsächlich ist. Egal, wir wollen sie und ihre Umgebung kennenlernen, schließlich haben wir die ‚Hauptinsel‘ nicht umsonst angesteuert. Man lebt und arbeitet hier, man trinkt und isst hier, man feiert hier und all das mit azoreanischer Leichtigkeit und im passenden Maßstab. Es gibt unzählige Bars, Cafés und Restaurants, oft traditionell, teilweise mit internationalem Format, jedenfalls immer preiswert. Besonders angetan hat es uns das ‚RAIZ‘, ein Club im Obergeschoss eines historischen Stadthauses im Zentrum der Altstadt. Geschmackvoll renoviert und ausgestattet mit mehreren Balkonen und einer Dachterrasse mit Blick auf die Kirche und den Hauptplatz. Hier treffen sich vor allem Touristen und jene Einheimischen, mit üppigerem Gehaltskonto. Ein Abstrich, auch wenn die Musik stets gefällt.

Nach dem ersten Ausflug mit dem Mietauto wird klar, warum Sao Miguel als ‚Hauptinsel‘ bezeichnet wird. Es ist nicht nur die Größe oder die Tatsache, dass es sich um den Verwaltungssitz der Azoren handelt. Vor allem ist es jene nicht enden wollende Vielfalt an landschaftlichen und kulturellen Attraktionen, die man hier auf einem verhältnismäßig kleinen Flecken Land findet. Selbst eine Aufzählung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten wäre mäßig sinnvoll und würde den Rahmen dieses ohnehin abendfüllenden Berichts endgültig sprengen.

17. August, Halbzeit. Es ist 7 Uhr 30 und wieder sitzen wir an Deck der ‚Paraguana I‘, der schnittigen Fähre, die uns diesmal auf jene traumhafte Insel bringen soll, von der Roland Kaiser schon vor Jahrzehnten schwärmte. Santa Maria liegt also lediglich zweieinhalb Stunden weit entfernt. Auch wenn immer der Weg das Ziel ist, fühlt es sich jetzt so an, als wäre bald jener heiß ersehnte Ort erreicht, der den Plan für dieses Unternehmen überhaupt erst entstehen ließ. Trotz Müdigkeit, die Aufregung ist groß.

Das mit Kunstrasen ausgekleidete Deck füllt sich langsam, aber sicher mit größtenteils jungen Menschen. Das Öffnen der ersten Bierdosen ist zu vernehmen und führt gleichzeitig unweigerlich zum Aufkommen unsrer Vorfreude auf jenes Festival, für das wir schon seit Monaten Tickets besitzen. Zum 32. Mal schon geht das traditionsreiche ‚Festival Mare de Agosto‘ über die Bühne. Schauplatz des dreitägigen Spektakels ist die ‚Praia Formosa‘, jene Bucht, der nachgesagt wird, den schönsten Strand der Azoren zu besitzen. Das Lineup ist bunt und international, das Publikum bunt, überraschenderweise aber fast ausschließlich einheimisch, und vor allem alterstechnisch vielfältig, wie auf keinem zuvor besuchten Festival. Es scheint, als wäre es auf Santa Maria Bürgerpflicht, hier anwesend zu sein. Für uns eine willkommene Gelegenheit, mit Insulanerinnen und Insulanern ins Gespräch zu kommen. Oft werden wir gefragt, was uns hierher geführt hat, die Version mit dem Lied eines deutschen Schlagersängers klingt für die meisten unglaubwürdig. Es werden unvergessliche Tage auf einer faszinierenden Insel voller landschaftlicher Gegensätze und herzlicher Festivalbekanntschaften, mit denen teilweise bis heute Kontakt besteht.

Mit der Erkenntnis, dass Roland Kaiser hellseherisch recht hatte, geht es zurück in die Azoren-Hauptstadt. Es hat sich nicht viel verändert, außer das Gefühl, nach Hause zu kommen in eine Stadt, die man erst vor wenigen Tagen zum ersten Mal betreten hat. Die Häuser in ihrem typisch portugiesischen Stil, mit ihren dezent gesetzten Ornamenten und den typischen Vulkansteinelementen wirken vertraut und sogar der Hauptplatz ist schon zum Wohnzimmer geworden, wo der Cappuccino mit Schlag, Zimt und Zucker das paradiesische Lebensgefühl komplettiert. Noch eine Woche bis zum Rückflug nach Graz. Unzählige weitere Eindrücke im Kopf kommen ins ohnehin zum Bersten gefüllte Reisetagebuch. Was bleibt, ist die Entscheidung, mehr mitnehmen zu wollen als eine volle Speicherkarte, zehn Packungen azoreanischen Schwarztee und Restsand aus Santa Maria in den Seitentaschen meines Rucksacks. Was bleibt, ist auch der ambitionierte Vorsatz, den atlantischen Geist und die insulanische Leichtigkeit über den raunzerisch kalten, österreichischen Winter zu retten. Und was bleibt, ist die Möglichkeit, in wenigen Augenblicken auf das Firefox-Symbol zu klicken und auf swoodoo ‚graz – santa maria‘ einzugeben, sobald ich diesen Reisebericht mit dem folgenden letzten Punkt offiziell für vollendet erklärt habe.

(c)Konstantin Knauder

 

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